Ein persönlicher Rückblick auf drei Meißnergedenkfeiern: 1963, 1988, 2013

Ein Beitrag von Lothar Meiß

meissnerVor 50 Jahren, als Helmut Gollwitzer sprach und sich zur neuen Demokratie in (West-) Deutschland bekannte, klang mir das Erinnern an das Treffen von 1913 als ein großes Erstaunen, als ein Verblüfft sein darüber, dass es uns, eine freie bündische Jugend, noch gab. Wir saßen da in Jujacken und kurzen Hosen und wussten nicht wirklich, was in den vergangenen 50 Jahren alles an Schrecklichem passiert war, was von deutschen Befehlshabern und –Empfängern Leidvolles in Szene gesetzt worden war, wie tief der Schrecken noch in den Gliedern der wirklichen Opfer saß, ja wie sprachlos diese Opfer, die z.T. unbemerkt unter uns lebten, damals noch waren. Wir hatten ja in unserer Kindheit und Jugend in erster Linie gelernt, dass wir und unsere Eltern selber Opfer waren. Die zerstörten Städte, die Vermissten, die lange in Sibirien gefangenen Soldaten und nicht zuletzt die aus dem Osten vertriebenen Deutschen, waren ja beredte Zeugen dieses Unrechtes an uns harmlosen Deutschen. Und wir wunderten uns auch gar nicht, dass uns Engländer, Amerikaner und Franzosen in der Regel gastfreundlich aufnahmen, wenn wir sie auf Fahrten oder Schüleraustauschen in ihren Ländern kennen lernten. Nach dem Motto „An uns soll es nicht liegen, wir sind selbstverständlich für Völkerverständigung und Frieden!“ Es schien nur ein unlösbares Problem zu geben, nämlich die Teilung unseres Vaterlandes, der „Eiserne Vorhang“ an der Werra und der Elbe, der uns als reine Schikane der sowjetischen, kommunistischen Weltmacht dargestellt wurde.

1988 war schon viel Wasser die Werra herunter geflossen, und ich wusste nun, dass die deutsche Teilung das Ergebnis des von Hitler gewollten und begonnenen Krieges war. Aber es gab nun wichtigere Themen als die Wiedervereinigung. Es gab Demokratien und es gab Diktaturen in „unserer“ westlichen, freiheitlichen Welt, und mancher Diktator war von den USA installiert worden. Aber überschattet wurde unser freies Lebensgefühl vom „Ende des Wachstums“, von der Erkenntnis, dass unser Planet Erde zu klein ist, um allen Menschen ein Leben nach unseren westdeutschen Maßstäben zu ermöglichen. Was müssen wir Wohlhabenden ändern, damit eine weltweite Gerechtigkeit und ein Leben unserer aller Nachkommen möglich wird? Es hat mich besonders beeindruckt, dass Alfred Töpfer, der schon 1913 auf dem Meißner als junger Wandervogel dabei war (Mitglied im WVdB!), zu diesem Thema zu uns in mahnender Weise sprach. Herr Töpfer war ein Mann, den auch meine Mutter kannte und verehrte, hatte er sich doch erfolgreich für die Einrichtung von Naturschutzgebieten in Westdeutschland eingesetzt, z.B der Lüneburger Heide. Jugendbewegung und reale Politik kamen auf diesem Felde – zum ersten Mal für mich sichtbar – zusammen. Seine Liebe zum deutschen Volk hat aber leider auch ihn blind gemacht vor der völkischen Überhöhung des Deutschtums, das die Nazis dann so leicht missbrauchen konnten.

Auf dem Meißner traf ich damals eine junge Reporterin aus der Deutschen Demokratischen Republik, eine FdJlerin (Freie Deutsche Jugend), die den Auftrag hatte, die „bürgerliche“ Jugendbewegung der Bundesrepublik Deutschland kennen zu lernen und von diesem Ereignis zu berichten. Ein friedliches Nebeneinander beider unterschiedlichen politischen Systeme und eine allmähliche Überwindung der unnatürlichen Grenzhindernisse schien möglich zu werden. Dieser äußere Frieden war ja eine notwendige Bedingung dafür, in Frieden auch mit der Natur zu leben, und dadurch das Überleben der menschlichen Kultur überhaupt zu ermöglichen.

In der folgenden Zeit war ich ein paar Mal auf dem Meißner und auch im Meißnerhaus an der Hausener Hute, das ja ein „Naturfreunde Haus“ ist. Und so erfuhr ich, dass auch dieses Haus unter dem Einfluss des ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Meißner 1913 entstanden war. In seinen Grundstein wurde 1929 eine Urkunde eingelegt, in der u.a. zu lesen ist: „Im 10. Jahr des Bestehens des Gaues Niederhessen-Südniedersachsen im Touristen Verein ‚Die Naturfreunde’, Reichsleitung in Nürnberg, Zentrale in Wien, ist es Dank der Opferwilligkeit und Tatkraft der Naturfreunde gelungen, auf dem Hohen Meißner im Freistaat Preußen… den Grundstein zu dem Meißnerhaus zu legen. Jahre schwerer wirtschaftlicher Not seit Beendigung des Weltkrieges 1914-1918 und der Errichtung des Diktats von Versailles liegen hinter uns. Eine freundliche Zukunft ist infolge der dem deutschen Volke auferlegten Kriegslasten nicht zu erwarten. Trotzdem lassen wir den Mut nicht sinken und schaffen eine Städte für die Gemeinschaft der Arbeitenden des ganzen Volkes, dem Wanderer und der wandernden Jugend; …Errichtet wird unser Haus … im Herzen der Heimat, deren Berge und Wälder uns …ewige Kraft zum Kampf für Freiheit und Menschenrechte geben. Am Tage der Grundsteinlegung …am 7. Juli 1929, zehn Jahre nach Errichtung der Verfassung der Deutschen Republik.“

Und weiter erfuhr ich aus dem Heft „70 Jahre Naturfreunde „Meißnerhaus“, das mir dort oben gerne ausgehändigt wurde: “Nur kurze Zeit blieb das Meißnerhaus im Besitz der Naturfreunde….. Im April 1933 besetzte … SA das Haus. ….Viele Naturfreunde wurden wegen ihrer … politischen Gesinnung verfolgt, inhaftiert und ermordet.“ Über das damalige politische Klima berichtet Fritz Pfleging in seinen Lebenserinnerungen: „…. traf ich…den Karl Eckerlin. Seit Januar 1933 (Hitlers Machtergreifung!) hatten wir uns nicht mehr gesehen. … Ich wollte jubeln, er aber machte ein finsteres Gesicht und sagte: Mensch, geh weiter, du kennst mich nicht, wenn man uns zusammen sieht, kriegst du Ärger, du hast nach dem Weg gefragt, mach’s gut.“  … Erst später habe er erfahren, dass Eckerlin schon mehrere Wochen aus politischen Gründen inhaftiert war und er unsicher sei, „…ob man ihn nicht noch mal holen würde, und dass auch der gute Konrad Belz – erster Hüttenwart vom Meißnerhaus – … aus politischen Gründen in Wehlheiden (Gefängnis in Kassel) eingesperrt sei“. 

Wer nun denkt, dass nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes die Naturfreunde ihr Haus sofort zurück bekommen hätten, irrt gewaltig, denn erst 1948 und nach langen Protesten und Interventionen wurde ihnen ihr Haus zurück gegeben, allerdings in einem völlig desolaten Zustand. Ich berichte das hier etwas ausführlich, weil diese Geschichte gerade bei uns „Ludwigsteinern“ und Wandervögeln nie gewürdigt wurde. Besonders auffällig ist der Vergleich zum Schicksal des Ludwigsteins in dieser Nazizeit, das uns Stephan Sommerfeld am Donnerstag, den 3.10. 2013 auf dem Lu näher erläuterte. Damit wäre ich aber schon beim diesjährigen 100. Jubiläum angekommen. Die Naturfreunde erinnerten schon 1950 an dieses Ereignis und veröffentlichten folgenden Aufruf:

„Auf dem ‚Hohen Meißner’,…einem Berg, der in der Geschichte der deutschen Jugendbewegung zum Markstein geworden ist, wollen wir das Gelöbnis ablegen: den Krieg zu ächten – und für den Frieden zu kämpfen. …. Das ganze Treffen steht im Zeichen der Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die nicht auf Befehle gehorchen muss, sondern die getragen ist vom gemeinsamen Willen, das eigene Schicksal zu lenken. …“ 

Das diesjährige Meißnergedenken begann für mich am Mittwoch, den 2. Oktober, auf dem Ludwigstein. Bei der Ankunft traf ich Jochim Upplegger, der mir 1953 zu meiner ersten Kothennacht verholfen hat. Dann stellte Robert Welti seine Gründung einer Demokratischen Schule in Hamburg vor. Ungute Erinnerungen an die Antiautoritäre Erziehung wurden bei mir wach, wurden aber widerlegt. Eine demokratische Erziehung und Bildung sollte für alle Kinder möglich gemacht werden. Sie kostet nicht mehr Geld, und sie führt zu motivierteren und selbständigeren Menschen als die herkömmlichen Schulen. Ein weites Feld. Jeder sollte sich selbst schlau machen. Abends hörte ich dann einen feierlichen Gesang aus dem Gedenkraum erschallen, und ging hinein:

Was ließen jene, die vor uns schon waren, die alle Länder und Straßen befahren, die alle Lieder und Abenteuer raubten, was ließen jene zurück für unsre Schar?….Atem der Meere, Gezeiten des Blutes, Träume von Taten, Verlocken des Mutes…. Unter des Himmels entheiligten Runden, unter den Worten, an die wir nicht mehr glaubten, wagen wir unser Gesetz und unser Glück. Heben die Stimmen und heben die Hände, stehen zerstreut auf verbranntem Gelände, fügen die Steine der dürren Zeit zusammen…“) Der Sinn dieses Textes wird wohl nie eindeutig zu klären sein, aber dass sein Schöpfer, „Olka“ (Erich Schulz), 1911 in Oberschlesien geboren, eine leichte Beute der Naziideologie war, der freiwillig in die SS eingetreten ist und das Grauen und Morden im Januar 1945 im KZ-Mittelbau Dora im Harz als Mit-Täter aus nächster Nähe kennenlernte, ist in diesem Lied im Rückblick vielleicht zu erahnen. Anschließend war im Rittersaal eine Vorlesung genau zu diesem Lied, das Simon Nussbruch als beispielhaft für die jüngere Jugendbewegung näher analysierte.

Am Donnerstagvormittag stellten dann Stephan Sommerfeld und Susanne Rappe-Weber das Geschehen auf der Burg während der NS-Herrschaft dar (1933-1945): Die Burg war ja als Erinnerungsmal an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Wandervögel errichtet worden. Das ergab eine gewisse Übereinstimmung mit den neuen Machthabern, die das Heldengedenken als Mittel zur Erziehung opferfreudiger Nazi-Fans gut gebrauchen konnten. Andererseits wollten die ehemaligen Wandervögel und Bündischen sich nicht der Diktatur der Hitlerjugend freiwillig ergeben, was sie aber später – zumindest formal – doch taten. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei, ein Machtwerkzeug Hitlers) argwöhnte zwar immer wieder verbotene „bündische Umtriebe“ unter dem Deckmantel des Heldengedenkens, die alten Kameraden auf der Burg konnten sich aber immer wieder frei “kaufen“, was letztlich wohl doch bei Vielen eine Anpassung an die Naziideologie bewirkte.

Erschreckend das Beispiel Knud Ahlborns, der 1913 als Redner auf dem Hohen Meißner schon entscheidend mitgewirkt hatte, und diese Tradition am Leben erhalten wollte, dann aber 1943 (30 Jahre Meißner!) dort oben – ohne äußeren Zwang – verkündete, dass Adolf Hitler der Erfüller der Meißnervisionen von 1913 sei. Und das, obwohl er nachweislich als Truppenarzt das Hinsiechen und absichtliche Verhungernlassen der Juden im Warschauer Ghetto erlebt hatte. 1963 war er wieder Festredner, und heuer wurde seiner wieder in Ehren gedacht, auf beiden Lagern, wohlgemerkt! Gut, dass Stephan hier genauer nachgeschaut hat.

Nach einem lustigen Theaterspiel, das unsere Abhängigkeit von elektrischem Strom drastisch demonstrierte, und dazu aufforderte, nach Alternativen zu suchen, gingen wir am Abend auf den Burghof. Dort sollte in einer würdigen Feier der gefallenen Wandervögel des ersten Weltkrieges gedacht werden. „Wildgänse rauschen durch die Nacht, mit schrillem Schrei….“ erklangs aus 200 bündischen Kehlen. In jungen Jahren hab’s auch ich gern gesungen. Ich wartete vergeblich darauf, dass auch an die Opfer des 2. Weltkrieges erinnert wird, und namentlich nicht nur an die deutschen Opfer, sondern auch an die, die Opfer deutscher Expansionsgelüste und Kriegsverbrechen geworden sind. Die Ludwigsteiner haben ja damals, als ihr Freund Hans Paasche von rechtsextremen Mördern erschossen wurde, ihm zu Ehren eine Linde vor der Burg nach ihm benannt. Also sollten doch wir heute dafür sorgen, dass die Burg auch in Zukunft ein Mahnmahl für alle Opfer ist, die durch frevelhafte politische Gewalt ums Leben gekommen sind.

Die Morgenfeier am Freitag rückte dann die wahre Aufgabe unserer bündischen Tradition in den Mittelpunkt: „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund haben willst, so zähme mich…..Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupery berührt mich immer wieder so wohltuend, so lebenbejahend. Schade, dass Gerhard nicht von allen im Burghof gehört werden konnte! Jeder sollte den Kleinen Prinzen immer mal wieder lesen!

Bevor wir dann in kleineren und größeren Grüppchen zum Meißner wanderten, sangen wir noch „Unser Burglied“ von Manfred Hausmann: „Wir haben den Berg erklommen, Jahrhunderte uns umwehen….“ Ich nahm mein Fahrrad mit, und fuhr manchmal ganz allein im Wald oder auf der Landstraße, dann traf ich wieder eine der wandernden Gruppen, die ja fast alle den Schneehagenweg benutzten, also den Weg, den unsere „Vorläufer“ vor knapp hundert Jahren auch gelaufen sind. Nach einer Mittagspause mit Feldküche am Bühlchen zwischen Weißenbach und Bransrode kamen wir gegen drei Uhr p.m. am Meißnerhaus an, wo ich mir ein Zimmer bestellt hatte. Die Übrigen liefen weiter zu ihrem Lagerplatz zwischen Hasselbach und den Seesteinen, um ihre Zelte noch aufzubauen

Ich radelte am späteren Nachmittag zum großen Festakt der bündischen Jugend bei Frankershausen. Von der Größe des Platzes und der Menge der Menschen war ich sehr beeindruckt. Alles strömte gelassen zum Festplatz, wo auch 1988 der Abschluss gefeiert wurde. Über 2 Tausend Bündische auf einem Haufen! Es überraschte mich ein wenig, dass auch hier Knud Ahlborn und sogar die gefallenen Wandervögel von Langemarck noch mal beschworen wurden. Es ist ja nicht nur der lange Zeitabschnitt, der uns von damals trennt, sondern vor allem die Heuchelei und Lügen, die dieses Langemarck-Gedöns von Anfang an begleitet hat. Der deutsche Angriffsplan, Nordfrankreich im Handstreich zu nehmen, war gescheitert. Der französische Gegenangriff an der Marne hatte den Vormarsch der deutschen Truppen gestoppt, die völkerrechtswidrig in Belgien einmarschiert waren. „Es scheint mir, dass der Augenblick gekommen ist, in dem versucht werden muss, den Krieg zu beendigen.“ So der 78 jährige Feldmarschall Gottfried Graf von Haeseler nach der verlorenen Marneschlacht. Einen Kompromissfrieden wollten aber weder die führenden Politiker des deutschen Reiches, noch die militärischen Befehlshaber. Sie wollten unbedingt siegen, weil sie den Kongo als Kolonie ausbeuten wollten, dazu Belgien, Polen, die Ukraine und das Baltikum zu Vasallenstaaten degradieren wollten. Dafür sollten die Freiwilligen und die Reservisten in Flandern bluten. Sie wurden von der Heeresleitung geopfert. Ihre Vaterlandstreue wurde schändlich ausgebeutet. „Tatsache, dass Feind jeden Aufschub benutzt, um seine Stellung festungsartig auszubauen, Notwendigkeit, Munitionsverbrauch bald einzuschränken sowie andere wichtige Gründe machen unausgesetztes Vortreiben Angriffs auf Ypern-Abschnitt unbedingt erforderlich. Schwierigkeiten Heeresleitung voll bekannt; sie müssen überwunden werden.“ So lautete die Weisung an den Befehlshaber zwei Tage vor Angriffsbeginn; aber es hatte ja im Oktober schon mindestens zwei vergebliche Versuche gegeben, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Am 9. November “schickte man uns die Geistlichen zu einer kurzen Andacht, das war noch nie. Immer mehr verstärkte sich der Eindruck, das Schweres von uns verlangt wird und die Führung mit bitteren Verlusten rechnet“. Am Abend dann der Befehl: „Der Feind soll morgen, den 10. November,…nach Süden und gegen den Kanal gedrängt werden. ….Alles tritt 6,30Uhr mit ungeladenen Gewehren an.“ „Unter den Mannschaften erweckte der Sturmbefehl nicht die geringste Begeisterung, wie es bei früheren Anlässen der Fall war. Jeder Beteiligte handelte und opferte sich aus anerzogenem Pflichtgefühl, obwohl er von der Aussichtslosigkeit seines Beginnens überzeugt war. Es war keine Hurrastimmung, mit der die Männer von Poelkopelle (3 km nordöstlich von Langemarck) in den Tod gingen. +++..Als nun Tag geworden war, übersah ich von unserem Graben das Sturmfeld, das Herz krampfte sich mir zusammen….Bei diesem Anblick….kam mir unwillkürlich der Gedanke: ‚War das wohl notwendig?’ …Kann sie (die Führung) Rechenschaft geben über dieses von vornherein aussichtslose Blutbad“.(alle Zitate zu Langemarck in Zeit-Online: Der Sturm auf Langmarck) Ich denke, es ist leider heute noch notwendig, den Mythos von Langemarck als solchen zu entlarven, denn es stimmt nichts an ihm, nicht einmal der Name, aber Langemarck klingt heldischer als Poelkopelle. Auch dass die Soldaten – das Deutschlandlied singend – gegen die feindlichen Stellungen gestürmt seien, ist bewusst gelogen (Oberste Heeresleitung!!) Außerdem waren in Flandern nicht mehr Studenten und Wandervögel als anderswo. Das Besondere dieser Truppe war, dass es Freiwillige, aber auch ältere Reservisten waren, die ihre Fähigkeiten aus dem Wehrdienst schon wieder vergessen hatten. Nach einer viel zu kurzen Ausbildung wurden sie an die Front geschickt, ihre Ausrüstung war völlig unzureichend und die Führungsqualität der reaktivierten Offiziere war auch schlecht.  Doch nun zurück zum Fest:

Nach den 4 Reden wurden einhundert Stelen mit Fackeln bestückt, für jeden Jahrgang eine, die in einem großen Kreis um die Zuhörer aufgestellt waren. Dazu wurden die Namen der Bünde aufgerufen, die in dem jeweiligen Jahr gegründet wurden. Am Anfang wurden die Bünde genannt, die schon vor 1913 bestanden. Leider wurde der WVdB vergessen. Das Entzünden der Fackeln konnte ich leider nicht erleben, weil ich den weiten Weg bis zum Meißnerhaus noch vor mir hatte. Aber etliche Scheite Holz habe auch ich ein Stückchen hinauf befördert zum Feuerstoß.

Der Samstag war dann der einzige Regentag, an dem das große Feuer auf der Hausener Hute vom Ring junger Bünde Hessen abends entzündet werden sollte. Auf dem Lagerplatz bei Hasselbach erlebte ich den Volkstanz und ein Referat von Wolfgang über Führungsstile. Weil es mir in der Nässe zu ungemütlich wurde, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum Meißnerhaus, wo ich nach gut zwei Stunden völlig durchnässt ankam. Um 21 Uhr ging es dann zum Feuerplatz. Die vielen Kinder und Jugendlichen, die den gleichen Weg, aber hin und in der Nacht noch mal zurück, laufen mussten, taten mir leid, zumal etliche in kurzen Hosen und ohne Regenschutz herum liefen. Die Festrede von Ketcha konnten leider nur wenige hören. Er erinnerte an seine Vorläufer, Erich Kuhlke, den Gründer des Wandervogel deutscher Bund, und an Knud Ahlborn, mit denen er vor 50 Jahren als Bundesführer des WDdB über diese Wiese gelaufen sei. Danach hielt Juliane Rusinowski vom Freibund als Jugendliche eine couragierte Rede. Sie bestand darauf, dass die Jugend sehr wohl Visionen und Träume haben dürfe. Beide Reden werden hoffentlich, genauso wie die vom Hauptlager, bald zu lesen sein. Am Sonntag fuhr ich mit meinem Rädchen den Weg nach Kassel zurück, ohne Regen, mit vielen Erlebnissen und schönen Begegnungen im Gepäck.

Ja, unsere bündische Geschichte ist ein steiniger Acker. Warum? Die meisten der uns wichtigen ehemaligen Wandervögel oder Meißnerfahrer, wie Erich Kuhlke, Alfred Töpfer und Knud Ahlborn, gehörten nach dem 1. Weltkrieg zur bürgerlichen Elite Deutschlands. Aber diese Elite stand der neuen demokratischen Verfassung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Nur wenige erkannten die Gefahren des Führerkultes und des übersteigerten Nationalismus. Erst nach der Katastrophe der Naziverbrechen und des 2. Weltkrieges erkannte das Bürgertum den Wert einer demokratischen Verfassung. Die aus der Arbeiterbewegung stammenden Naturfreunde hatten es „leichter“, sich nicht von den Nazis vereinnahmen zu lassen, denn sie hatten für die Demokratie gestritten und wurden deshalb von den Nazis bekämpft. So lasst uns auch immer ihrer gedenken, wenn wir auf den Meißner und den Ludwigstein schauen.

Lothar Meiß

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