Archiv-Exkursion

Studierende der Universität Frankfurt zu Gast auf Burg Ludwigstein
(von  Jonas Metzler) „Aus grauer Städte Mauern zieh’n wir durch Wald und Feld.“
Dieses alte Motto der Wandervögel vom Beginn des 20. Jahrhunderts haben einige Studierende der Universität Frankfurt wörtlich genommen und sind am letzten Juni-Wochenende aus der Großstadt am Main hinaus zur Jugendburg Ludwigstein gefahren. Die Geschichte von Bildung und Erziehung stand auf dem Programm und zwar von der historischen Jugendbewegung bis hin zur Reformpädagogik.

Der Sportwissenschaftler Martin ist überrascht über die Naturlandschaft, die sich entlang der Werra und um den Hohen Meißner herum auftut. „Das habe ich bisher nie genutzt, seit ich aus Lübeck nach Frankfurt gekommen bin.“ Die Jugendburg liegt in einer Schleife der Werra, die früher die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten dargestellt hat. Aber es ist nicht in erster Linie die Geschichte der deutschen Teilung, die die Pädagogikstudentinnen und -studenten hier hergeführt hat. Das, wofür sie sich interessieren, liegt in einer Zeit, in der Deutschland ein Kaiserreich mit strengen bürgerlichen Moralvorstellungen war. 1913, vor genau hundert Jahren also, trafen sich am nahegelegenen Hohen Meißner verschiedene Jugendbünde und Wandervogelgruppen zu einem deutschlandweiten Treffen der Jugendbewegung. Ein Jahr später begann der Erste Weltkrieg und viele junge Männer, die kurz zuvor noch das Wandern und freie Leben auf der Fahrt genossen hatten, starben in den Schützengräben. Die Burg Ludwigstein, damals eine vergessene Ruine, wurde wenige Jahre nach dem Krieg als „Ehrenmal für die gefallenen Wandervögel“, wie es auf einer Tafel am Burgtor heißt, erworben und wieder aufgebaut. Seither dient sie als Begegnungsstätte und Unterkunft für Pfadfinder und Jugendbündische.

Diese Geschichte hätten die Studierenden aus Frankfurt in den Dokumenten und Objekten des Archivs der deutschen Jugendbewegung erforschen können. Die Sammlung ist von Beginn an Teil der Jugendburg und umfasst heute etwa 2500 Regalmeter Archivgut. Aber das allein vermittelt nur einen Teil dessen, was die Jugendbewegung für die Entwicklung und Geschichte der Erziehung und Bildung bis heute ausmacht. Um, wie es schon die Jugendbünde im Anschluss an die ganzheitliche Pädagogik formulierten, „mit Kopf, Herz und Hand“ zu lernen, probierten die sonst eher theoretisch arbeitenden Studierenden Aspekte des jugendbewegten Lebens auch selbst aus – sich gemeinschaftlich um die Versorgung der Gruppe zu kümmern und die Landschaft und Natur zu erleben, in dem man sie erwandert und erlebt, ohne dabei alles analytisch untersuchen zu wollen. „Die Wanderung am Freitag zur benachbarten Burg Hanstein und wieder zurück war ganz schön anstrengend. So etwas ist man in der Großstadt nicht unbedingt gewöhnt“, berichtet Julia am nächsten Tag. Und am Ende des Tages gibt es natürlich ein Lagerfeuer. Nur die Übernachtung in den schwarzen Kohten-Zelten auf der Wiese überlassen die Studierenden den Kindern der Pfadfindergruppe, die an diesem Wochenende auch an der Burg kampieren.

Stattdessen arbeiten sie doch noch in gewohnt theoretischer Weise im Archiv. Aber das ist lang nicht so trocken, wie in einem Lehrbuch in der Uni-Bibliothek, denn das Archiv verwahrt viel Anschauungsmaterial aus dem jugendbewegten Leben der vergangenen hundert Jahre. Doch zur Geschichte der Jugendbewegung, die auch eng mit der Reformpädagogik verbunden ist, gehören auch Schattenseiten. Nicht nur in reformpädagogischen Internaten wie der Odenwaldschule wurde die enge Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden missbraucht. Auch in Gruppen der Pfadfinder und Jugendbünde ist es immer wieder zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche gekommen. Seit 2010 setzt sich eine Arbeitsgruppe im Archiv der Jugendbewegung mit diesem hässlichen Aspekt der Idee von Freiheit und Erlebnis in der Natur und der Gruppe auseinander.

Doch der allgemeine Eindruck der Studierenden am Ende des vielseitigen und interessanten Wochenendes ist positiv. „Ich wusste vorher nicht viel über die Jugendbewegung“, erzählt Laura, „aber diese Burg bietet als Lernort unglaublich viele Möglichkeiten, sich dieser Idee zu nähern.“ Voller Eindrücke reist die Gruppe am Samstag Mittag von der Burg ab. Das persönliche Erleben und die lebendige Anschauung wird in die Seminararbeiten einfließen, die die Studentinnen und Studenten in Frankfurt nun verfassen müssen. Es wird die mitunter trockene Auseinandersetzung im Studium sicherlich in ganz anderem Licht erscheinen lassen.

Studierende der Universität Frankfurt zu Gast auf Burg Ludwigstein

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